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Martin Rauch

Lehm ist der Baustoff der Stunde. Er hat das seit 30 Jahren geahnt.

Martin Rauch ist Lehmbaumeister. Mit dem primitivsten aller Baustoffe hat er sich ein fantastisches Haus gebaut. Es ist ein gebautes Manifest seiner Überzeugung, dass Bauen mit Lehm so attraktiv wie naheliegend ist. Mit Spinnerei hat das nichts zu tun. Von Markus Tischer

ÜBERZEUGUNGEN KANN MAN AUCH BEWOHNEN

Dieses Haus hat Kraft, ganz oben im Dorf, im vorarlbergischen Schlins. Das spürt man schon aus der Ferne. Hier hat Martin Rauch seinen Überzeugungen eine Form gegeben. Selten hat man ein modernes Gebäude gesehen, das so ästhetisch ansprechend ist und sich zugleich so organisch mit der Landschaft verbindet. Nicht nur die Außenmauern bestehen aus dem Lehm der unmittelbaren Umgebung. Selbst Details der Inneneinrichtung hat der Lehm-Lobbyist aus seinem Material geformt: Böden, Waschbecken, Oberflächen. Ein Haus, das Material pur ist. Und radikales ökologisches Engagement. Martin Rauch lebt eine Idee. Bewohnt sie. Beweist, dass man mit nachhaltigen Bauweisen die faszinierendsten Häuser errichten kann. «Die Schale, die uns umgibt, soll so atmen, diffundieren können wie unsere Körper». Sein Haus nennt er «eine afrikanischen Lehmhütte mit europäischem Standard»

REIZ DES «PRIMITIVEN»

Gezündet hat der Funke auf einer Reise nach Afrika vor etwa 30 Jahren. Angesichts von Behausungen, die wir in Europa «primitiv» nennen, stellte sich Martin Rauch die Frage: Warum haben wir die Entwicklung im Lehmbau vor 200 Jahren gestoppt? Warum haben wir aufgehört, in einfachen Kreisläufen zu bauen, die Ressourcen optimal zu nutzen? Warum haben wir diese naheliegende Bauweise verdrängt durch Technologien, die extrem aufwendig sind. Ökologisch problematisch. Schwer reparierbar. Nicht recyclebar. Von diesem Moment an hat Martin Rauch auf Lehm gesetzt. Bis zu seinem bewohnten Exempel war es zwar noch einige Jahre hin. Doch stand er fortan mit seiner Person und seiner Überzeugung für diese Idee ein. Er hat Keramik studiert – und legte als Diplomarbeit eine Studie über «neue Gestaltungsmöglichkeiten im Lehmbau» vor. Rauch blieb seinen Ideen treu: noch heute gleicht der Name seines Unternehmens dem Titel der Diplomarbeit: «Lehm-Ton-Erde.» Unter diesem Zeichen arbeitet er, forscht er, experimentiert er unablässig, und seine Kompetenz ist zunehmend international gefragt.

BEKENNTNIS ZUM LEHM

Lehm war in unseren Breiten die längste Zeit als Baustoff der Armen diskreditiert. Martin Rauch hat es mit Beharrlichkeit geschafft, das zu verändern. Er, der als Künstler eine Art Narrenfreiheit genoss, hat inzwischen ein einzigartiges Wissen angehäuft. Und das Stadium, wo er als Sonderling und Ökoromantiker verlacht wurde, bestens überstanden. Wer heute darauf achtet, kann Häuser aus Lehm wieder in unseren Breiten entdecken. Meist sind es Gebäude mit besonderer Ausstrahlung: die «Kapelle der Versöhnung» bei der Mauergedenkstätte in Berlin. Oder das Kino in Ilanz in den Schweizer Bergen, dessen Wände von den Mitgliedern des Filmclubs gestampft sind – unter Anleitung von Martin Rauch. Es fällt auf, die interessantesten europäischen Lehmbauten unserer Tage sind allesamt unter seiner Mitwirkung entstanden. Gerade bemüht ihn das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron. Mit ihnen baut er eine hundertelf Meter lange und fast elf Meter hohe Halle für das neue Produktionszentrum der Schweizer Firma «Ricola». Martin Rauchs Faszination hat eine Entwicklung angestoßen. Vor 30 Jahren brauchte es viel Mut, sich zu Lehm zu bekennen. Was er vorhergesehen und intuitiv gespürt hat, passt heute mehr und mehr zum grünen Zeitgeist – für den Lehm das perfekte Symbol darstellt. Ein Baustoff, der Geborgenheit verströmt, archaisch und zukunftsweisend zugleich ist. Lehm gibt es überall in rauen Mengen, er gibt keine Schadstoffe ab, er wirkt wärmedämmend und wärmespeichernd.

EROSION ALS CHANCE

Rauch ist fasziniert von einem perfekten Kreislauf: ein Haus, gebaut aus vor der Haustür kostenlos verfügbarem Stoff, dem Aushubmaterial seiner Baustelle: nehmen, gebrauchen, wieder zurückführen. Lehm ist recyclebar, und das zu 100 Prozent. Lehm ist wasserlöslich. Gerade in dem, was viele als Nachteil sehen, erkennt Martin Rauch den größten Vorteil. In Europa reißen wir heute viele Gebäude nach 20 oder 30 Jahren wieder ab. Da ist es für ihn eine Genugtuung, ein Haus zu bewohnen, das langsam, sehr langsam erodiert und zurück in die Erde fließt. «Dieser Gedanke, dass ein Gebäude wieder zurück in die Natur kann, ist absolut faszinierend und sinnvoll», meint er. So verschmilzt ein Haus mit der Landschaft, in der es steht und aus der es kommt. Wandert am Ende rückstandsfrei in Natur zurück. Und dennoch: so ein Lehmhaus erodiert langsam, sehr langsam. Die Geschichte zeigt, dass viele Lehmhäuser in Europa über Hunderte von Jahren halten. Wenn die chinesische Mauer ein Gebäude aus Stampflehm ist, kann es keinen Zweifel geben. Diesem Material hat Martin Rauch sein Leben verschrieben und mit seinen Arbeiten inzwischen eine Renaissance des Lehmbaus bewirkt. Im Grunde hat er sich dafür in den Bereich der Illegalität begeben. Denn seine offizielle Legitimation als «Lehmbauer» hat er erst vor ein paar Monaten bekommen.

Fotos: Beat Bühler, Alexandra Grill (Portrait)

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